Aus der Gießener Allgemeinen vom 10.11.200

An Nazi-Opfer erinnert

Gestern "Lesestunde" an der Ricarda-Huch-Schule

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Bildquelle: fd ; Gießener Allgemeine

Gießen (fd). Während gestern alle Welt auf Berlin schaute, um den 20. Jahrestags des Mauerfalls zu feiern, erinnerten die Schüler der Ricarda-Huch-Schule an eine der dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte, die sich ebenfalls am 9. November zum wiederholten Mal jährte: Im Zuge der Novemberprogrome brannten 1938 unzählige Synagogen, tausende Wohn- und Geschäftshäuser wurden verwüstet, mehrere Hundert Menschen von Nazischlägern ermordet und etwa 30.000 in Konzentrationslager verschleppt. Die gesamte Schulgemeinde erinnerte im Rahmen einer "Lesestunde" unabhängig vom jeweiligen Unterrichtsfach an die Übergriffe und Verfolgungen.

"1933 wurde Lise Meitner die Lehrbefugnis an der Berliner Universität aufgrund ihrer jüdischen Abstammung entzogen", las Lehrerin Andrea Fiedler aus einer Biographie der Kernphysikerin. Unter den Nationalsozialisten von nun an stets in großer Gefahr lebend, war es Meitner 1938 schließlich gelungen, über die Niederlande und Dänemark nach Schweden zu fliehen, wo sie ein Jahr später die erste physikalisch-theoretische Erklärung der Kernspaltung lieferte. "Zu dieser Zeit hatten bereits zwei Drittel der deutschen Atomforscher das Land verlassen", so die Lehrerin.

Fachspezifische Aspekte, wie die Rolle jüdischer Forscher unter der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft, standen im Zentrum der "Lesestunde". Ob im Sportunterricht Texte zum Schicksal jüdischer Fußballer bei Eintracht Frankfurt oder jüdische Lyrik im Fach Deutsch gelesen wurde: "Wir möchten mit dieser Aktion - wie durch die Veranstaltungen der vergangenen Jahre auch - das ehrende und mahnende Andenken an die Opfer des Naziterrors zu einem Bestandteil der Schulkultur machen", erklärt Rolf Weinreich, Lehrer und Mitorganisator der "Lesestunde".

Einige Klassen erinnerten zudem auch mit einer Schweigeminute der an ehemalige Schülerinnen der Ricarda-Huch-Schule, die der nationalsozialistischen Diktatur zum Opfer gefallen waren. Auf den sogenannten "Stolpersteinen" wurde der jüdischen Mädchen Margot Adler, Rosa Baer, Hildegard Goldschmidt, Hilde Kann, Gertrud Katz, Mariane Rosenbaum, Beate Rubin, Margot und Sonja Salomon gedacht.

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