Die Aufgabe und auch das Umfeld sind Werner Nissel nicht neu: Schon einmal stand der 55-jährige bekennende Gießen 46ers-Fan an der Spitze der Ricarda-Huch-Schule. Im Sommer 1998 bis zum August 1999 zeichnete er als stellvertretender Schulleiter in Doppelfunktion kommissarisch für die Geschäfte der schulformbezogenen (kooperativen) Gesamtschule verantwortlich, die heute von knapp 1300 Schülern besucht wird. Zum Monatsbeginn hat er offiziell die Nachfolge von Richard Breidert angetreten. "Ich fühle mich wohl", bilanziert er kurz und knapp die ersten Tage in seiner neuen Funktion. Grundsätzlich sei es ein Vorteil, dass die Personalie so schnell festgestanden habe und keine Vakanz entstanden sei. An der Ausrichtung der von seinem Vorgänger geprägten Innenstadtschule will Nissel nicht entscheidend rütteln. "Wir sind eine kooperative Gesamtschule, das heißt, wir sind Gymnasium, Realschule und Hauptschule unter einem Dach. Wir sind aber viel mehr als das, denn wir stehen für Durchlässigkeit, Anschlussfähigkeit und für ein gemeinsames Schulleben miteinander", lautet sein Credo. Zur Freude des Mathematik- und Deutschlehrers steht der Gymnasialzweig, wo die Schüler das Abitur noch nach neun Jahren erwerben, bei Eltern besonders hoch im Kurs.
Dabei braucht die Ricarda-Huch-Schule den Vergleich mit den etablierten Gymnasien schon lange nicht mehr fürchten. Im Gegenteil: Quasi als Alleinstellungsmerkmal wird die zweite Fremdsprache - Französisch oder Latein - an der "Ricarda" bereits als Schnupperangebot im zweiten Halbjahr der Jahrgangsstufe 5 angeboten. Wobei Werner Nissel großen Wert auf einen "weichen Übergang" von der Grundschule legt - wie ihn der Besuch der Förderstufe garantiere. Generell, so der Wunsch des Schulleiters, sollen sich alle drei Schulzweige in ihrem Profil auszeichnen, "Übergänge schaffen, immer in der großen Verbundenheit eines gemeinsamen Schullebens". Nissel betont: "Jeder Schüler ist uns gleich wichtig. Das versuchen wir auch zu leben." Individuell zugeschnittene Lernwege für jeden Schüler gehören zu den weiteren Plänen des 55-Jährigen.
Zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls sollen darüber hinaus vielfältige Aktivitäten im Zuge der geplanten offenen Ganztagsschule im Aufbau beitragen. In diesem Zusammenhang strebt der Schulleiter unter anderem eine Zusammenarbeit mit auswärtigen Trägern und Vereinen an. "Wir wollen uns als Schule öffnen."
Nach innen ausgerichtet, hat Werner Nissel neben der bloßen Vermittlung des Unterrichtsstoffes das Voranbringen überfachlicher Kompetenzen wie etwa Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit auf die Agenda gesetzt. Die Kollegen sieht er dabei in erster Linie als Pädagogen, "die auf die Schüler eingehen, persönlich betreuen und auch zu Leistungen hinführen". Eine entscheidende Rolle bei diesem Prozess spielt der Dialog mit den Eltern, der unerlässlich sei, um weiter voranzukommen.
Keinen Gegensatz sieht Nissel im Übrigen in der gleichzeitigen Förderung von Spitzenleistungen und der Stärkung von Schülern, die mehr Unterstützung benötigen. "Beeindruckend finde ich das Bildungsverständnis, das aussagt, es schadet dem Lateinschüler nichts, wenn er tischlern kann, und es schadet dem Tischler nichts, wenn er Latein kann."
"Riesenschritt"Um die immer komplexer werdenden Aufgaben zu bewältigen, hat der Schulleiter regelmäßige Tagungen der erweiterten Schulleitung mit den Fachbereichsleitern angesetzt. Die auf Landesebene beabsichtigte Entwicklung hin zu mehr Selbstständigkeit für die Schulen, findet die ausdrückliche Zustimmung des "Ricarda"-Leiters. Auch die geplante Zuweisung von 105 Prozent bei den Lehrerstellen sei ein großer Erfolg. "Das ist ein Riesenschritt und hilft uns in Fällen, wo Kollegen erkrankt sind beziehungsweise sich auf einer Fortbildung befinden." Schließlich dürfe nicht vergessen werden, dass das für den Landesetat eine "ordentliche Aufgabe" bedeutet.
Neben der Tätigkeit an der Ricarda-Huch-Schule, die 1994 begann, hat der Vater von zwei erwachsenen Kindern, der in Marburg und Gießen Mathematik und Germanistik studiert hat, Erfahrungen unter anderem an einer Schule in Kirchhain sowie in der außerschulischen Bildung für den DGB gesammelt. Als einer der Ersten hat Werner Nissel in den 80er Jahren das Fach Informatik unterrichtet. Als "echter Gießener", der in der Stadt geboren und aufgewachsen ist, begeistert er sich seit Jahren für die Basketballer der Gießen 46ers ("ich freue mich, dass wir in der Bundesliga spielen"). Daneben schätzt er an seiner Heimatstadt das Stadttheater, "immerhin ein Dreispartenhaus", die beiden Hochschulen vor Ort, das Mathematikum und das vielfältige Schulformangebot.