Aus der RHS-Redaktion vom 26.11.2009

"Nicht die Theorie praktizieren, sondern die Praxis theoretisieren"

Vortrag von Prof. Dr. Peter Struck zum Thema Lernen und Ganztagsschule am Pädagogischen Tag des 26.11.2009

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Prolog

"Teste sich, wer kann ...!" PISA, TIMSS, IGLU und Co. - sie alle sprechen dem deutschen Bildungssystem alles andere als Bestnoten aus. Dies bezieht sich keinesfalls nur auf das Leistungsvermögen bundesdeutscher Jugendlicher im internationalen Vergleich, sondern auch auf solche Aspekte, die stärker – und zwar fragend - darauf gerichtet sind, inwieweit es Kraft gegebener bildungspolitischer Ausrichtungen und Strukturen gelingen kann, unterschiedliche Lerntypen auf ihrem Bildungsweg hin zum mündigen, vernunftbegabten und sozial veranlagten Menschen fördernd zu begleiten und dabei integrativ statt exklusiv tätig und wirksam zu sein.

Berechtigt erscheinen bei derartigen internationalen Studien jene Stimmen, die kritisch anmerken, dass etwa ein vergleichsweise dünn besiedeltes und gesellschaftlich homogenes Land wie Schweden, dessen tradierte gesellschaftskulturelle Identität noch dazu in erheblichem Maße eine egalitäre ist, keinesfalls mit einem dicht besiedelten und heterogen-hierarchisch strukturierten Einwanderungsland wie Deutschland vergleichbar ist. Ungeachtet dieser sicher richtigen Einschätzung müssen wir uns aber auch fragen, ob wir es hinnehmen wollen und können, dass wir uns unweigerlich vom einstigen Klassenprimus in Sachen Bildung hin zum abgeschlagenen Totalversager bewegen. Dabei riskieren wir nicht nur, einen signifikanten Anteil unserer Jugendlichen ins Abseits der produktiven Bedeutungslosigkeit zu verlieren, sondern auch, in Wissenschaft und Wirtschaft aufgrund fehlenden Nachwuchs nicht mehr wettbewerbsfähig zu sein. Ratsamer erscheint es daher, unsere Bildungsstrukturen von grundauf zu reformieren, denn Empörung allein ist noch keine Politik.

Kommen wir noch einmal auf die internationalen aber auch innerdeutschen Vergleichsstudien zurück, so wird mit Blick auf die Rankings deutlich, dass es zwei Wege zu geben scheint, die auf dem ersten Blick mehr Lernerfolg versprechen: Drill und Disziplin sowie Eigenverantwortung und selbstgesteuertes Lernen. Während der erste Weg nicht selten mit hohen Selbstmordraten, Depressionen, Versagensängsten oder schlicht fehlendem Daseinsglück einhergeht, erscheint letzterer als der – schon im Hinblick auf höhere Bildungsziele wie Mündigkeit, Urteilsfähigkeit und Selbstständigkeit – indizierte und richtige Weg, um die Sache an dieser Stelle einmal abzukürzen.

In der Ausgestaltung des richtigen Weges rückt schließlich die Ganztagsschule in den Fokus der Betrachtung; doch nicht nur sie; auch - grundsätzlicher - die Möglichkeiten der Integration, des längeren gemeinsamen Lernens und jene, dass Schülerinnen und Schüler jahrgangs- und fächerübergreifend gemeinsam miteinander und voneinander lernen.

 

Zum Vortrag

Was die Ausgestaltung jenes richtigen Weges betrifft, so ließ Prof. Struck in seinem informativen wie auch humorvollen Vortrag keinen Zweifel daran aufkommen, dass er als eine essentiell wichtige, wenn nicht sogar zwingend notwendige Maßnahme eine in Deutschland forcierte Verbreitung von Ganztagsschulen sieht. Diese Forderung unterfütterte der an der Universität Hamburg lehrende Erziehungswissenschaftler mit zahlreichen Fakten und Praxiserfahrungen aus Bereichen wie der Kognitionspsychologie, Neuophysiologie oder auch Chrono-Biologie. Struck, der neben Pädagogik und Biologie auch Kriminalistik studiert hat und für die Zeitschrift "Familie und Co" 20 Jahre lang als Experte am Erziehungs- und Schulsorgentelefon gesessen hat, bewegte sich dabei zwar durch theoretische Gefilde der Lernpsychologie, die gemeinhin kein leicht begehbares Terrain darstellen, dies jedoch so plastisch, greifbar und mit vielen Anekdoten und Fallbeispielen versehen, dass es nie abgehoben, sondern durchaus aus der Mitte des täglichen pädagogischen Erlebens entsprungen schien. Mit anderen Worten: Hohe Relevanz, praxistauglich!

Wie kann man das Lernen effektiver gestalten und auch die Haltwertszeit der vermittelten Erkenntnisse erhöhen; welche typischen Fehler gilt es zu vermeiden und wie verhindern wir beispielsweise, dass sich vor allem die Jungs in der Schule zu den großen Verlierern verfehlter Didaktik und Methodik entwickeln? Gleitende Anfangszeiten, längeres gemeinsames Lernen ohne zu selektieren, jahrgangsübergreifende Zusammenarbeit, peer-to-peer-Lernen - vieles zog Struck aus dem Füllhorn der pädagogischen Glückseeligkeit aber eines machte er schlussendlich auch deutlich: Es gebe keine Patentrezepte, jede Schule habe ihren eigenen Anforderungen und Bedürfnisse; er könne uns den Weg nicht vorgeben, wir haben diesen vielmehr selbst zu finden und dann mutig zu begehen ...

 

... und daran arbeiteten wir dann auch

Im Anschluss an den Vortrag von Peter Struck und das gemeinsame Mittagsmahl hat das Kollegium in Arbeitsgruppen an der konzeptionellen Ausgestaltung verschiedener Themen, wie zum Beispiel "Umgestaltung der Rhythmisierung für den Ganztagsbetrieb", "Jahrgangsteams" oder auch "geschlechterspezifisches Lernen" gearbeitet und dann dem Plenum des Kollegiums vorgestellt.

Nun werden diese Gedanken Einzug halten in den KuPA, den Konzept- und Planungsausschuss, der sich an unserer Schule mit der Schulentwicklung befasst, damit sie keine Luftschlösser bleiben, eine Angst, die durchaus besteht. Um in der Ganztagsschulfrage eine klare Linie fahren zu können, soll in einer künftigen Gesamtkonferenz noch einmal über diese beraten und abgestimmt werden.

Es bleibt spannend...

Aus dem RHS-Hauptstadtstudio
O. Dinkela

 

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