Zurück zur Übersicht |
 |
Prof. Dr. Peter Struck
Bildquelle: Gießener Anzeiger ; Barbara Czernek
(cz). Einen selbstkritischen Blick auf das, was Lehrer den Schülern täglich vermitteln wollen, warf das Lehrerkollegium der Ricarda-Huch-Schule beim Pädagogischen Tag zum Thema "Ganztagsschule". Hochkarätige, kritische Denkanstöße vermittelte Erziehungswissenschaftler Professor Dr. Peter Struck von der Universität Hamburg und Autor vieler Bücher aus dem Themenfeld Schule, Lernen, Erziehung. Seine Arbeitsschwerpunkte sind seit mehr als 30 Jahren Sozial- und Schulpädagogik, Bildungspolitik, Jugendforschung, Familienerziehung und Medienpädagogik.
|
War der Vormittag dem Vortrag von Struck vorbehalten, so traf sich am Nachmittag das Kollegium in Arbeitsgruppen, um die vorgestellten Themen zu diskutieren und zu vertiefen.
Struck lenkte in seinem Referat seinen Focus auf die Lernkultur in Deutschland und untermauerte seine Thesen mit Ergebnissen der neuesten Hirnforschung. Struck bündelte die Erkenntnisse von Hirnforschern und Lernpsychologen zu 15 Geboten des Lernens: 1. Langsam starten und dann Gas geben. 2. Selbst lernen statt Belehren (von der Belehrungsanstalt zur Lernwerkstatt). 3. Lernen durch Sprechen und Handeln (statt durch Zuhören), 4. Lernen mit neuer Fehlerkultur. 5. Partnerarbeit. 6. Schüler erklären selbst, sprechen selbst aus, was sie lernen sollen. 7. Lernen von Gleichaltrigen: Die besten Lehrer sind andere Schüler. 8. Jahrgangsübergreifenden Lernfamilien. 9. Kinder nicht beschämen, Lernen mit Respekt. 10. Üben und Anwenden, 11. Lehrer als Lernberater/Coaches. 12. Lehrer im Team sind effizienter als der einsame Lehrer. 13. Der gelassene Lehrer. 14. Kinder brauchen Resonanz. 15. Lernen mit Präsentieren (Portfolios).
Sein Fazit aus diesen Thesen lautet: "Würde man Schule in diesem Sinne organisieren, könnten auch die Jungen wieder mit den Mädchen Schritt halten." Zurzeit seien die Jungen die Verlierer des Systems. Mittlerweile seien 58 Prozent derjenigen, die Abitur machten, weiblich, Zweidrittel aller Sitzenbleiber seien hingegen Jungen. "Wenn wir das Lernen anders gestalten, dann kommen auch die Jungen wieder mit", so Struck.
Für ihn ist der die Einteilung in Geburtsjahrgänge ein Irrweg, der noch aus den Zeiten Preußens herstamme und schon aus entwicklungspysiologischer Sicht einen Unsinn darstelle, da Mädchen einfach weiter seien. Abhilfe sieht er in flexible Eingangsklassen, jahrgangsübergreifendes Lernen und einer weitestmöglichen Individualisierung, zu der auch das Aufbrechen von bisherigen Unterrichtsstrukturen und den Lehrplänen gehört. "Wir in Deutschland haben die dicksten Lehrpläne der Welt. Wenn wir 80 Prozent der Lehrpläne für die Oberstufe weglassen würden, könnte man mit den 20 Prozent wirklich etwas lernen." In der Art und Weise wie das Wissen vermittelt werde, könne es kaum nachhaltig behalten werden, und wenn dann eher von Mädchen als von Jungen. "Wir müssen Abschied nehmen von dem Denken, dass wir alles Wissen lernen können. Das geht heute nicht mehr. Wichtiger ist es, das Lernen zu üben."
 |