Stolpersteine |
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23 Steine und Tränen für die Mädchen vom Lyzeum
Bericht aus Giessener Allgeimeine vom 29.4.08
Gießen (mö). Im Rahmen der Gedenkaktion »Stolpersteine« sind am Samstag in Gießen die ersten 23 Messingplaketten angebracht worden. Dazu war der Aktionskünstler Gunter Demnig aus Köln angereist, um seine »Stolpersteine« zu verlegen.
Gunter Demnig in der Wiesecker Keßlerstraße. Im Hintergrund die Paten der drei Steine. Die Steine erinnern an jüdische Bürger Gießens, die im Dritten Reich ermordet wurden. Eingebettet in die erste hiesige Verlegung war eine Gedenkveranstaltung am Freitagmittag in der Ricarda-Huch-Schule.
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Dabei flossen in der vollbesetzten neuen Aula Tränen, als Schüler und Lehrer die Biographien und Familiengeschichten von elf ehemaligen Schülerinnen des Lyzeums verlasen, deren kurze Lebenswege vor 65 Jahren in Auschwitz, Treblinka oder an unbekanntem Ort in Osteuropa endeten. Tags darauf wurden von Demnig vor dem historischen Nordportal der ehemaligen Mädchenschule zehn »Stolpersteine« verlegt.
Begonnen hatte die Verlegung am Samstagmittag in der Keßlerstraße in Wieseck vor der Hausnummer 15. Dort hatte die Arztfamilie Katz bis 1939 gelebt. Dr. Ludwig Katz, seine Frau Sofie und Tochter Hildegard wurden 1942 über Darmstadt deportiert und kamen in Treblinka um. Paten für die drei »Stolpersteine« sind Ursula und Jürgen Schroeter sowie eine Klasse der Friedrich-Ebert-Schule. Zusammen mit den Schülern gestaltete Ursula Schroeter die erste Verlegung. Mit dabei war auch Hauseigentümerin Dr. Birgit Hirte-Schönwald, die dankbar für die Aktion ist, sich allerdings auch betrübt zeigte, nicht rechtzeitig eingebunden gewesen zu sein. Ein Versäumnis, das die Initiativgruppe »Stolpersteine« auf ihre Kappe nahm. Klaus Weißgerber gelobte Besserung. »Wir lernen täglich dazu.«
In der kleinen Wiesecker Seitenstraße hatten sich fast 100 Menschen versammelt, als Demnig die drei Steine im Pflaster versenkte. Der Künstler zeigte sich beeindruckt von der Anteilnahme. »So viele Leute habe ich nicht oft bei Verlegungen. Und das an einem Samstagmittag«, staunte der Kölner. Neben Paten und Schülern waren Vertreter der Stadtverordnetenversammlung, des Magistrats und Ortsbeirats zugegen, dazu interessierte Wiesecker, darunter auch Ältere, die als Kinder noch Patienten von Dr. Ludwig Katz waren. Weitere Stationen waren die Ricarda-Huch-Schule, die Schillerstraße, wo Dr. Wilhelm Bachenheimer und Gertrud Bachenheimer gedacht wurde (Paten: Susanne Meinl und Monika Graulich), die Neuen Bäue, wo drei Steine für Moritz, Lotte und Werner Herz verlegt wurden (Paten: Christa Schreier, Herbert Schweiger und Richard Wagner) sowie der Marktplatz, wo vor den Hausnummern 6 und 11 nunmehr an Ignatz und Anna Pfeffer (Pate: Frank Pötter) sowie Julius, Claire und Esther Stern (Paten: Christel Buseck, Jens Priwitzer) erinnert wird.
Die ersten Gießener Steine reihen sich damit ein in ein mittlerweile großes Projekt. Demnig sprach von insgesamt 15 000 Steinen, verlegt in über 300 Kommunen. Zu wiederholt geäußerten Bedenken, sein Projekt lade zum »Herumtrampeln« auf den Opfern ein, sagte Demnig. »Nach einer gewissen Zeit ist mir bei den «Stolpersteinen» aufgefallen: Wer sie lesen will, macht automatisch eine Verbeugung.«
Hinter der »Stolperstein«-Verlegung in der Ricarda-Huch-Schule steht jahrelange Recherchearbeit in Archiven und in Gesprächen mit überlebenden Familienangehörigen und Zeitzeugen aus Gießen. Mit alten Fotos und teilweise detaillierten Informationen über das Leben der jüdischen Familien beeindruckten Marwa Baccars, Alena Hilpert, Cora Petermann, Felicitas Westerburg, Sandra Baker, Lea Krausgrill sowie die Lehrer/innen Christel Buseck, Brigitte Itzerott, Rolf Weinreich und Schulpfarrerin Sabine Roth-Nagel die Gäste, darunter ältere Gießener und einige andere »Stolperstein«-Paten. Der Beitrag für Ellen Jakob kam von der Historikerin Dr. Susanne Meinl. Zugegen waren auch Schuldezernent Dr. Volker Kölb und Vertreter der jüdischen Gemeinde. Ihr Beifall galt nicht nur den Rechercheuren, sondern auch Nathalie Kochs Liedern.
Gedacht wurde der jüdischen Mädchen Margot Adler, Rosa Baer, Hildegard Goldschmidt, Hilde Kann, Gertrud Katz, Marianne Rosenbaum, Beate Rubin, Margot und Sonja Salomon sowie Esther Stern, deren Stein am Marktplatz verlegt wurde, dort, wo früher ihr Elternhaus stand, das in Gießen als »Kaminkahaus« bekannt ist. Lehrer Rolf Weinreich betonte: »Das ist nicht der Schlusspunkt unserer Recherchen. Es gibt noch viele offene Fragen.« Im Haus A der Schule zeigt die Gruppe eine kleine Ausstellung. Die nächste Verlegung soll im September stattfinden, weitere sind angesichts des großen Interesses an Patenschaften geplant.
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Erinnerung an "zutiefst erschütternde Schicksale" Bericht aus Giessener Anzeiger vom 24.4.08
Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus - Paten berichten - "Stolperstein"- Verlegung
GIESSEN (fod). Die Tage vom 14. bis 17. September 1942 gingen als einige der düstersten in die Geschichte der Stadt Gießen ein.
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Damals wurden die letzten etwa 150 noch hier lebenden Juden von der Gestapo gewaltsam aus ihren Wohnungen geholt und in der Goetheschule eingesperrt. Zwei Tage später folgte die Verladung in einen Güterzug, der nach einer Nacht auf dem Bahnhof alle Insassen nach Darmstadt brachte. Zwei Wochen danach kam es zur Deportation in Vernichtungslager wie Treblinka und Auschwitz. Mit der Verlegung von 23 vom Kölner Künstler Gunter Demnig entworfenen "Stolpersteinen" an sechs Orten möchte Gießen am kommenden Samstag an einige dieser Schicksale erinnern. Aus diesem Anlass hatte die Initiativgruppe "stolpersteine-in-giessen" zu einer Gedenkveranstaltung ins Alte Schloss eingeladen.
Der Andrang war mit etwa 150 Teilnehmern so groß, dass zu Beginn noch zusätzliche Stühle aufgestellt werden mussten. Im Mittelpunkt des Abends stand die Würdigung all jener Menschen, die in Gießen Opfer des Gewaltregimes der Nationalsozialisten, von Vertreibung und Vernichtung wurden. Sei es, weil sie Juden waren, Roma oder Sinti, politische Gegner, Behinderte oder aus anderen Gründen verfolgt wurden. Monika Graulich von der Initiativgruppe sprach von "zutiefst erschütternden Schicksalen", die sich bei den seit über einem Jahr andauernden Recherchen ergeben hätten. Einen Eindruck davon verschafften die von den Paten der Steine gegen das Vergessen, darunter ehemalige Klassenkameraden, Freunde und Nachbarn, vorgetragenen Lebensgeschichten der Opfer.
"Es ist ein Teil unserer Geschichte, eine Verantwortung, der wir uns stellen müssen", machte Oberbürgermeister Heinz-Peter Haumann deutlich. "Geschichte aufarbeiten, eine gemeinsame Zukunft von Juden und Deutschen positiv gestalten und aus der Geschichte lernen", laute für ihn der richtige Weg. Er gab zudem seine Eindrücke wieder, die er bei der Reise einer Gießener Delegation nach Israel kürzlich gewonnen hatte, wozu auch ein Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem gehörte. Am meisten habe ihn dort beeindruckt, dass die Aufarbeitung der Geschehnisse im Nazi-Deutschland "ohne Groll und Hass" und eine pauschalisierende Verurteilung der Deutschen geschehe, hob Haumann hervor.
Im Rahmen einer geschichtlichen Einführung schilderten danach die Historikerin Dr. Susanne Meinl und Monika Graulich, wie der Nationalsozialismus seit den 20er Jahren auch in Gießen und im Umland zunehmend Anhänger fand, was den Weg zu Vertreibung und Vernichtung ebnete. "1923 wurde die erste NSDAP-Ortsgruppe gegründet", berichtete Meinl, "1929 zog die Partei dann erstmals in städtische Gremien ein". Erlass der Rassengesetze, gewaltsame Übergriffe der Bevölkerung, und das nicht nur bei den Pogromen vom November 1938, sowie Zwangsunterbringung (Ghettoisierung) in so genannten Judenhäusern waren die nächsten Stationen, bis die von den Nazis als "Wohnsitzverlegung" verschleierte Deportation erfolgte. Leider, so bedauerte Monika Graulich, ließen sich viele Schicksale heute nicht mehr vollständig rekonstruieren, könne man in manchen Fällen nur Vermutungen darüber anstellen, in welchen Vernichtungslagern die Verschleppten zu Tode kamen. Für den September sind durch die Initiativgruppe weitere Verlegungen von "Stolpersteinen" geplant, kündigte Graulich an. Namensvorschläge dafür seien noch möglich.
Beginnen wird die erste Verlegung am kommenden Samstag, 26. April, um 13 Uhr vor dem Haus Keßlerstraße 15 in Wieseck, dem dann die Orte Ricarda-Huch-Schule (RHS), Schillerstraße 17, Neuen Bäue 23, Marktplatz 11 und Marktplatz 15 folgen werden. Am morgigen Freitag lädt die RHS um 11.30 Uhr zu einer eigenen Gedenkveranstaltung für zehn ehemalige jüdische Schülerinnen ein.
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"Abscheuliche Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten lassen"
Bericht aus Giessener Anzeiger vom 26.4.08
Ricarda-Huch-Schule gedenkt elf ermorderter Schülerinnen - Verlesung der Schicksale
GIESSEN (fod). Die Betroffenheit war deutlich spürbar. Eine andächtige Stille herrschte in der Cafeteria der Ricarda-Huch-Schule (RHS), dort, wo sonst um diese Tageszeit reges Treiben ist.
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Dieses Mal jedoch diente der Raum der Würdigung elf ehemaliger jüdischer Schülerinnen, die im Alter von 13 bis 21 Jahren von den Nazis deportiert und 1942/43 in den Konzentrationslagern Auschwitz und Treblinka ermordet worden waren. Obwohl die meisten von ihnen bereits einige Jahre früher gezwungen wurden, die Mädchenschule zu verlassen, sind ihre Schicksale nicht vergessen. Einen großen Anteil daran haben die seit über einem Jahr andauernden Recherchearbeiten einer Gruppe von Schülerinnen, die unterstützt von mehreren Lehrern viele Details über die Verschleppten, inklusive Fotos sowie Auszüge aus Transportlisten und anderen Schriftstücken, zusammengetragen haben.
Daraus ist nicht nur die Ausstellung "Schülerinnen unserer Schule - Verfolgt, deportiert, ermordet" entstanden, die im RHS-Gebäude besichtigt werden kann, sondern man machte es sich auch zur Aufgabe, den früheren Schülerinnen ein Denkmal zu setzen. Hierfür wird heute der Kölner Künstler Gunter Demnig vor dem Portal an der Nordanlage zehn "Stolpersteine" gegen das Vergessen in das Pflaster einsetzen. Auf den Gedenktafeln sind neben den Namen und Lebensdaten der Opfer auch kurze Angaben zu ihrem letztlichen Schicksal festgehalten. Die elfte Tafel, diejenige der Schülerin Esther Stern, wird dagegen ihren Platz zusammen mit denen der Eltern vor dem damaligen Wohnhaus am Marktplatz finden.
Die Organisatoren hatten die gestrige, von über 150 Gästen besuchte Veranstaltung so konzipiert, dass mit der Verlesung der Schicksale durch heutige Schülerinnen und Lehrer sowie der sie unterstützenden Historikerin Dr. Susanne Meinl, dem Zeigen von Fotos, amtlichen Aufzeichnungen und anderen Hinterlassenschaften, wie etwa einem Gedicht-Eintrag der 1942 in Treblinka zu Tode gekommenen Ellen Jacob in ein Poesiealbum, die Opfer im Geiste wieder lebendig werden sollten. Und dies gelang in beeindruckender Weise. Den Namen Margot Adler, Rosa Baer, Hildegard Goldschmidt, Ellen Jacob, Hilde Kann, Gertrud Katz, Marianne Rosenbaum, Beate Rubin, Margot und Sonja Salomon sowie Esther Stern wurde somit wieder "ein Gesicht gegeben", wie Lehrerin Christel Buseck, Mitglied der Initiativgruppe "stolpersteine-in-giessen", treffend hinzufügte. Zur andächtigen Stimmung passte auch die musikalische Umrahmung durch Natalja Koch und Rolf Weinreich, die hebräische Lieder und vertonte Gedichte ebenfalls ermordeter Juden vortrugen.
Schulleiter Richard Breidert sprach den Schülerinnen und Lehrern, die an den Recherchen beteiligt waren, seinen Dank aus. "Die Stolpersteine sollen dazu dienen, dass diese abscheulichen Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten", betonte er. Gleichzeitig sah er die Zeit gekommen, auch auf lokaler Ebene die wahren Umstände von Verfolgung und Vernichtung aufzudecken. "Damit über das Gedenken hinaus ein nachhaltiger Schutz vor mörderischen Ideologien aufgebaut werden kann."
Rolf Weinreich gab schließlich seiner Hoffnung Ausdruck, dass sich nun vielleicht weitere Menschen an den Recherchen beteiligen, um einen noch detaillierteren Einblick in die Grausamkeiten dieser Zeit zu geben, "... damit so etwas nie wieder geschieht".
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