RHS-Geschichte: Einige Notizen zu Frau Dr. Lucie Jacobi, deren Wirken und Vita einen Brückenschlag zwischen unserer Namensgeberin Ricarda Huch und unserem heutigen Leitbild und Schulprogramm mitsamt der an unseren Schule gelebten Erinnerungskultur darstellt. In diesem Zusammenhang danken wir unserer ehemaligen Schülerin Dorothee Lottmann-Kaeseler (Abi 1963), die diesen Informationsbeitrag angeregt hat.

Geschichte


Dr. Lucie Jacobi
"Die nationalsozialistische Machtergreifung war für viele akademisch gebildete berufstätige Frauen mit Restriktionen verbunden, in weitaus stärkerem Maße aber stellte das Jahr 1933 für jüdische Akademikerinnen eine tiefe Zäsur dar. Dies zeigt der Lebensweg von Lucie Jacobi. Sie hatte ihr Studium an der Universität Gießen 1920 mit der Promotion im Fach Germanistik bei Otto Behaghel beendet. Anschließend unterrichtete sie als Studienrätin an der Höheren Mädchenschule in Offenbach.

Aus dieser Stellung wurde sie am 1. April 1933 mit sofortiger Wirkung entlassen. Sie blieb zunächst noch in Deutschland und emigrierte 1938, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, nach England.

Ihre in Berlin verbliebene Mutter und ihre jüngere Schwester sollte sie nie wieder sehen, beide wurden im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Lucie Jacobi Anfang 1947 mit Unterstützung ihrer Studienfreundin Lina Flörke geb. Bindewald nach Gießen zurück, wo ihr mit 61 Jahren noch einmal ein Neuanfang gelang.  

Sie übernahm im Frühjahr 1947 die Leitung des Gießener Mädchenrealgymnasiums und wurde damit die erste Oberstudiendirektorin in der Universitätsstadt. Auf ihre Anregung hin wurde die Schule im November 1948 in „Ricarda- Huch-Schule“ umbenannt. Die unerschrockene und vorurteilsfreie Haltung dieser Schriftstellerin war für Lucie Jacobi stets Vorbild gewesen. 1952 wurde Lucie Jacobi pensioniert, sie verstarb in Gießen am 12. März 1968".

© Justus Liebig Universität Giessen

 

Leserbrief in der ZEIT von Lucie Jacobi
aus dem Jahre 1957

Vergessene Dichter
In Ihrem Artikel „Dichter kommen auf uns zu" (DIE ZEIT, Nr. 7) macht Paul Hühnerfeld die erfreuliche Feststellung: „Daß in unserer prosaischen Zeit die Lyrik in der Literatur eine immer größere Rolle spielt, kann man an der zunehmenden Zahl der Gedichtbände ablesen." Er bespricht dann die Gedichtbände zweier verstorbener Dichter, nämlich August Stramms und Max Hermann-Neißes. So erfreulich es ist, wenn Wertvolles heimgegangener Dichter der Vergessenheit entrissen wird, so wäre es, nach meiner Ansicht, noch sehr viel verdienstlicher, wenn man Dichter höchsten Ranges davor bewahrte, noch bei Lebzeiten dem Vergessen anheim zu fallen.
Ich habe vor einigen Tagen versucht, einen der Gedichtbände von Fritz Usinger zu verschenken. Kein einziger Band dieses mit dem Büchnerpreis ausgezeichneten Dichters ist zu haben! Hat der, dem Gedichte „Das Dorf, „Weltalter", „Nymphische Nacht" und das unvergleichliche „Die Perle" gelungen sind — um nur wenige zu nennen —, ein solches Los verdient?

Dr. Lucie Jacobi, Gießen
Quelle DIE ZEIT, 04.04.1957 Nr. 14

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